Gemeinsam für die Menschenwürde

Welttag zur Überwindung von Armut und Ausgrenzung

17. Oktober 2013 : Gemeinsam für die Menschenwürde

Liebe Freunde

Vor einigen Tagen sind mehrere hundert Frauen, Männer und Kinder in der Nähe der Insel Lampedusa in Italien ertrunken. Sie waren auf der Flucht vor dem Hunger, der ständigen Sorge um den Lebensunterhalt ihrer Familien und der Unmöglichkeit, in der Schule zu lernen. Sie waren auf der Suche nach dem Leben, mit der Hoffnung als einzigem Gepäck. Die Retter, aber auch die Seeleute und alle Bewohner der Insel, die sich bemüht haben ihnen zu helfen, waren erschüttert: viele der ertrunkenen Kinder, welche sie gefunden haben, trugen neue Schuhe. Ihre Eltern wollten, dass sie für die Reise schön und würdig seien, bereit für eine Welt, in der die Zukunft offen schien und in der sie hofften, aufgenommen und anerkannt zu werden.

Gestern wurde in der Nähe von Paris eine ganze Gruppe von Familien aus Osteuropa vom Ort vertrieben, wo sie eine Bleibe gefunden und ihre Notunterkünfte eingerichtet hatten. Einige hundert Meter weiter gibt es andere Familien, die wissen, dass sie ihre baufälligen Wohnungen verlassen müssen, weil sie abgebrochen werden sollen. Aber bis heute haben sie keinen Ort, wo sie hingehen können. Sind sie wohl zu arm, dass sie niemand haben will und dass die Stadt sie fortschicken will? Aber wohin? Wie viele Millionen Menschen gibt es wohl, die so misshandelt, ständig weg geschoben und auf dieser Welt als überflüssig betrachtet werden? Und doch: sie geben nicht auf und wehren sich dafür, in Würde zu leben, ihre Kinder gross zu ziehen und mit den Nachbarn solidarisch zu sein.

Armut und Ausgrenzung ist eine riesige menschliche Katastrophe. Daraus wächst ein herzhafter Aufruf, der heute immer dringender wird: mehr und mehr Leute sind sich bewusst, wie wichtig es ist, eine neue Welt zu bauen, gerechter und respektvoller für alle. Aber mit wem werden wir diese Welt aufbauen?

Werden wir sie mit jenen Menschen bauen, welche überall verjagt werden, obwohl sie das Recht haben, auf der Erde zu leben? Mit den Eltern, welche in vernachlässigten Quartieren wohnen und den Schlaf nicht finden, weil sie sich so grosse Sorgen um ihre Kinder machen? Wie zum Beispiel Doña Maria aus Lateinamerika. Sie weint vor Sorge um ihre 16-jährige Tochter, von welcher sie nicht weiss, wo sie ist. Sie sagt: «Ich habe immer alles gemacht, um meine Kinder vor dem Hunger zu schützen, aber das genügt nicht. Unsere Bemühungen alleine sind ungenügend.»

Werden wir diese Welt mit den Jugendlichen zusammen bauen, welche sehen müssen, wie ihre Welt sich verengt und keine Zukunftsaussichten erhoffen lässt? Mit den Jungen, die darunter leiden, dass sie sich mit ihren Visionen und ihrem Erfindungsgeist nicht beteiligen können? An verschiedenen Orten der Welt, wo das Leben besonders schwierig ist, weil es an allem fehlt und wo bewaffnete Konflikte Gewalt verbreiten, sehen wir Jugendliche mit Büchern auf Kinder zugehen. Sie möchten ihr Wissen teilen und ihr bestes geben, um Freundschaft zu ermöglichen.

Werden wir die Welt mit jenen zusammen aufbauen, welche vom Wirtschaftssystem zur Langzeitarbeitslosigkeit verurteilt werden? Mit jenen, die unsichere Anstellungen haben, sich mit zerstörerischen und erniedrigenden Arbeitsbedingungen abmühen und die jeden Tag versuchen, Lösungen zu finden, ihre Familie zu ernähren und ihrer Umwelt Sorge zu tragen?

An diesem 17. Oktober, Welttag zur Überwindung von Armut und Ausgrenzung, bekräftigen wir erneut, dass wir mit den Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen, welche täglich der Gewalt der grossen Armut widerstehen, weitergehen wollen. Wir sind überzeugt, dass wir nur gemeinsam mit ihnen die tiefsten Hoffnungen der Menschheit verwirklichen können: in Frieden leben, weil alle in ihrer Würde respektiert werden.

Wir werden uns gemeinsam anstrengen weiterhin jene zu suchen, welche noch fehlen. Ihr Mut, ihre Hoffnungen, ihre Erfahrungen sollen anerkannt werden und ihr Verstand soll mithelfen, ein Zusammenleben zu entwickeln, in dem jeder an Menschlichkeit wachsen kann.

Gemeinsam werden wir unser Wissen ausnahmslos mit allen teilen. Wir wollen zu einer Schule beitragen, welche der Intelligenz aller Kinder entspricht und deren Fähigkeit, Freundschaft zu schaffen, unterstützt.

Wir wollen gemeinsam an eine Wirtschaft beitragen, welche achtungsvoll mit den Menschen und mit der Erde umgeht. Wir wollen eine Wirtschaft, welche die Initiativen und Erfindungsgaben der einzelnen Personen anerkennt und die Lebensgrundlage der Menschen und ihrer Familien sichert. Wir wollen eine Wirtschaft, welche die begrenzten Ressourcen unseres Planeten und die biologische Vielfalt schützt und das Teilen, die Solidarität und die Zusammenarbeit fördert.

Wir werden uns gemeinsam anstrengen, um Begegnungsräume und Kommunikationsmittel zu entwickeln. Dies soll das persönliche Engagement und die Solidarität unterstützen und mehr und mehr dazu beitragen, die Welt in Bewegung zu bringen.

Das sind also unsere gemeinsamen Engagements für die Jahre 2013 bis 2017. (**Es gibt ein Dokument, das noch mehr darüber aussagt.) Wir haben sie gemeinsam unter Mitgliedern der Bewegung definiert, mit Begeisterung und Vertrauen. Sie sind begründet auf unseren Aktivitäten und Arbeiten der vergangenen Jahre, aber auch auf den Hoffnungen, welche wir alle in uns tragen. Sie sind viel mehr als ein Programm. Sie verbinden uns für die folgenden Jahre, um an dieser Welt zu bauen, die wir wünschen.

Diesen 17. Oktober 2013 sind wir also bereit, dieses Engagement mit allen zu teilen, überall da wo wir sind.

In Freundschaft

Isabelle Pypaert Perrin

Generaldelegierte der internationalen Bewegung ATD Vierte Welt

** Dokument auf französisch: http://www.atd-quartmonde.org/AGIR-TOUS-POUR-LA-DIGNITE-Les.html

deutsche Übersetzung ist vorgesehen.

(übersetzt aus dem französischen von ATD Vierte Welt, 1733 Treyvaux, 026 413 11 66 - PCK 17-546-2)